
Edinburgh German Yearbook 15: Tracing German Visions of Eastern Europe in the Twentieth Century
Deutschland hat sich lange in Opposition zu seinen östlichen Nachbarn definiert: Seine Vorstellungen von kulturellem Prestige und seine Äußerungen von Fremdenfeindlichkeit scheinen unweigerlich auf ein imaginiertes östliches Anderes zurückzugehen. Im Zentrum der Betrachtung solcher Projektionen steht das Erbe des Zweiten Weltkriegs, das seit 1989 neu diskutiert wird: Nach vier Jahrzehnten politischer Gegnerschaft und kultureller Zerrissenheit sind die Kriegsereignisse an der Ostfront vom westlichen Publikum wiederentdeckt worden und nehmen in der Erinnerungskultur der postsozialistischen Staaten einen komplexen, wechselnden Platz ein. Die deutsche Unkenntnis der osteuropäischen Kriegs- und Völkermorderfahrungen, hartnäckige Stereotypen und präskriptive Vorstellungen über das Erinnern waren jedoch ein großes Hindernis für die Entstehung einer transnationalen Erinnerungskultur, die von allen Parteien als gerecht empfunden wird.
Trotz der massenhaften Einwanderung aus dem Osten nach Deutschland und des intensiven Kontakts zwischen Deutschsprachigen und den dortigen Kulturen stellt die deutschsprachige Kulturproduktion Osteuropa nach wie vor weitgehend als unbekannt, wild und unzugänglich dar. Die im vorliegenden Band besprochenen Schriftsteller und Filmemacher haben dagegen mit und gegen solche Tropen gearbeitet und alternative Perspektiven aufgezeigt. Wie ihre Werke stellen auch die Beiträge dieses Bandes die Konflikte und Vorurteile des 20. Jahrhunderts in eine breitere historische Perspektive und stellen die Art der Beziehung Deutschlands zu seinem imaginierten Osten in Frage.
Mitwirkende: Enikő Dcz, Olha Flachs, Paul Peters, Raluca Cernahoschi, Jakub Kazecki, Ernest Schonfield, Deirdre Byrnes, Daniel Harvey, Amy Leech, Shivani Chauhan, Karolina Watroba.