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On the Pleasure Principle in Culture: Illusions Without Owners
Für viele Illusionen lassen sich leicht Besitzer finden - Menschen, die mit Stolz ihren Glauben an Dinge wie das Leben nach dem Tod, die menschliche Vernunft oder die Selbstregulierung der Finanzmärkte verkünden. Doch es gibt auch andere Arten von Illusionen, zum Beispiel in der Kunst: Die Trompe-l'oeil-Malerei erfreut ihre Betrachter mit "anonymen Illusionen" - Illusionen, bei denen nicht ganz klar ist, wer getäuscht werden soll.
Anonyme Illusionen bieten ein universelles Lustprinzip in der Kultur. Es gibt sie in Spiel, Sport, Design, Erotik, Manieren, Charme, Schönheit und so weiter. Es scheint jedoch, dass dieses Lustprinzip zunehmend falsch interpretiert wird. Die stolzen Besitzer bestimmter Illusionen sind nicht mehr in der Lage zu erkennen, dass sie auch anonymen Illusionen folgen. Infolgedessen verwechseln sie glückliche, höfliche andere mit naiven Idioten oder "Wilden" - den Besitzern dummer Illusionen, deren Glück ein obszönes Eindringen in das Leben vernünftigerer Geschöpfe ist.
Die Verkennung anonymer Illusionen wird so zu einem entscheidenden ideologischen Fundament der heutigen neoliberalen Politik. Der Hass auf das Glück der Anderen führt zur Zerstörung des öffentlichen Raums und zu einem Staat, der die Fähigkeiten seiner Bürger nicht fördert und anregt, sondern sie als Opfer interpelliert und sich darauf beschränkt, "schützende" oder repressive Maßnahmen gegen sie zu ergreifen.