
Jesus of Hollywood
Seit dem Aufkommen des Kinos ist Jesus häufig in unseren Kinosälen und auf unseren Fernsehbildschirmen zu sehen. Es kann sogar gut sein, dass weltweit mehr Menschen Jesus und seine Lebensgeschichte aus dem Kino kennen als aus jedem anderen Medium. Tatsächlich wurde die Geschichte Jesu in der Geschichte des kommerziellen Kinos Dutzende Male verfilmt, vom Stummfilm Von der Krippe zum Kreuz aus dem Jahr 1912 bis zu Mel Gibsons Die Passion Christi aus dem Jahr 2004. Zweifellos werden noch weitere folgen.
Anhand einer breiten Palette von Filmen zeichnet die Bibelwissenschaftlerin Adele Reinhartz nach, wie Jesus von Nazareth zum Jesus von Hollywood geworden ist. Sie argumentiert, dass Jesus-Filme die kulturelle Wahrnehmung von Jesus und den anderen Figuren seiner Geschichte sowohl widerspiegeln als auch beeinflussen. Sie konzentriert sich auf die filmische Interpretation der Beziehungen Jesu zu den wichtigsten Personen in seinem Leben: seine Familie, seine Freunde und seine Feinde. Sie untersucht, wie diese Filme theologische Fragen, wie die Identität Jesu als Mensch und Gott, politische Fragen, wie die Rolle des Einzelnen in der Gesellschaft und die Möglichkeit der Freiheit unter politischer Unterdrückung, soziale Fragen, wie Geschlechterrollen und Hierarchien, und persönliche Fragen, wie die Natur der Freundschaft und der menschlichen Sexualität, behandeln.
Reinhartz' Studie über die Zelluloid-Inkarnationen von Jesus zeigt, wie Jesus-Filme die Vergangenheit nach dem Bild der Gegenwart umgestalten. Trotz des großen Interesses der Gesellschaft an Jesus als religiöser und historischer Figur sind Jesus-Filme nicht als Geschichte faszinierend, sondern als Spiegel der Sorgen, Ängste und Werte unserer eigenen Zeit. Da die Geschichte Jesu weiterhin die Phantasie von Filmemachern und Kinobesuchern beflügelt, bleibt er heute eine ebenso bedeutende kulturelle Figur wie vor 2000 Jahren.