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Singular Pasts: The I" in Historiography"
Heute wird Geschichte zunehmend in der ersten Person geschrieben. Immer mehr historische Werke enthalten eine autobiografische Dimension, so als ob das Schreiben über die Vergangenheit die Erforschung des Innenlebens des Autors erforderte.
Dieses hybride Genre, das weder traditionelle Geschichte noch Autobiografie ist, stellt die Normen des historischen Berufs in Frage. Auf der Suche nach neuen und kreativen Wegen überschreitet es eine Kardinalregel der Disziplin: die Erzählung in der dritten Person, die lange Zeit als notwendig für eine objektive Analyse der Vergangenheit galt. Singuläre Vergangenheiten bietet eine kritische Darstellung des Aufkommens schriftstellerischer Subjektivität in der Geschichtsschreibung, wobei sowohl ihre Errungenschaften als auch ihre Unzulänglichkeiten unter die Lupe genommen werden.
Enzo Traverso befasst sich mit einer Gruppe zeitgenössischer Historiker, darunter Ivan Jablonka, Sergio Luzzatto und Mark Mazower, die ihre emotionale Bindung zu ihren Themen offenbaren und ihren Texten einen literarischen Anstrich geben. Er stellt einen parallelen Trend in der Literatur fest, in der Autoren wie W. G.
Sebald, Patrick Modiano, Javier Cercas und Daniel Mendelsohn ihre Werke als Untersuchungen auf der Grundlage von Archivquellen verfassen. Traverso argumentiert, dass die Geschichte in der ersten Person die zeitgenössischen Denkweisen widerspiegelt: Diese Art des Schreibens ist präsentisch und unpolitisch, da sie die Vergangenheit durch eine individuelle Linse wahrnimmt und darstellt. Indem er die Grenzen der subjektiven Geschichtsschreibung auslotet, betont er, dass es kollektives Handeln ist, das sozialen Wandel hervorbringt: "Wir" statt "Ich".
In einem Epilog betrachtet Traverso die Ich-Schrift von Saidiya Hartman als Gegenbeispiel. Singuläre Vergangenheiten ist eine weitreichende und erhellende Kritik an einem zentralen Trend in der humanistischen Forschung und überdenkt den Begriff der historischen Wahrheit in einem neoliberalen Zeitalter.